Wieviele Identitäten haben Sie?

Ja, ich bin einer von denen, die nach Feierabend, kurz vor dem Zu-Bett-Gehen, für eine Stunde, manchmal auch zwei, in virtuelle Welten abtauchen und dort spannende Geschichten erleben oder gemeinsam mit anderen Spielern um den Sieg wetteifern. Ich bin online nicht unter meinem “Klarnamen” aktiv, sondern unter Pseudonym. Nun ist es mit ein wenig Recherche recht einfach, herauszufinden, wie zumindest eines meiner Netz-Alter-Egos heißt, aber dies sei mal dahingestellt. Ich entscheide mich aus bestimmten Gründen dafür, im Netz unter anderem Namen aufzutreten. Das hat weniger mit der Angst vor Identifizierung meiner Person, sondern vielmehr mit der Welt zu tun, in die ich mich begebe. Meine Identität aus der “echten” Welt (wenn es sowas gibt) spielt beim Spielen im Netz keine Rolle.

So kommuniziere ich auch in Foren oder Blogs oder bei Twitter unter meinem Pseudonym, weil ich es so gewohnt bin und es im Spielkontext auch sinnvoll finde. So treffen sich die Spieler, die eben noch online einander gejagt oder geholfen haben, auch im Forum unter Ihren “Nicknames” wieder.

Blizzard, Betreiber eines der (in der westlichen Welt) populärsten Online-Rollenspiele (”World of Warcraft”), verlangt seinen Kunden nun ab, in den Foren zum Spiel nur noch unter Klarnamen zu kommunizieren.

So gibt Spiegel Online in einem Artikel eine Aussage von Blizzard wider:

“Wenn der “für Online-Unterhaltungen typische Schleier der Anonymität entfernt” werde, könne dies “zu einer besseren Umgebung in den Foren führen, konstruktive Unterhaltungen fördern.”

Nun mag es stimmen, dass die Hemmschwelle für Beleidigungen und Rechtverletzung höher liegt, wenn deratige Beiträge unter dem Klarnamen des Spielers veröffentlich werden, aber gleichzeitig wird ja der Klarname jedes Spielers angezeigt, ganz gleich ob er/sie etwas Unflätiges geschrieben hat. Dass das in der Community auf wenig Gegenliebe stößt scheint klar. Wen geht es schließlich etwas an, wie der Spieler des Tauren-Priesters heißt? Abgesehen davon kann Blizzard natürlich anhand des Nicknamen und der Kontodaten des Users (WoW ist kostenpflichtig) ohnehin herausfinden, wie der Spieler heißt. Weiter bei SpOn:

Auch international sind die Reaktionen heftig. Ein Blizzard-Administrator in den USA, der den Fehler machte, als Argument im Rahmen der Debatte einfach mal seinen eigenen Klarnamen anzugeben, bereute dies schnell: In kürzester Zeit fand jemand seine Adresse, seine Telefonnummer, sein Alter, die Namen seiner Verwandten, seine musikalischen Vorlieben und andere persönliche Informationen heraus – und veröffentlichte sie, versehen mit dem Kommentar: “Ich denke, jetzt können wir alle sehen, was für eine tolle Idee das ist.”

Ja, eine tolle Idee, in der Tat. Im gleichen Artikel wird auch Mark Zuckerberg, Gründer von facebook zitiert:

Der Mittzwanziger sagte dem Buchautor David Kirkpatrick (”The Facebook Effect”), mehr als eine Identität zu besitzen, sei “ein Beispiel für einen Mangel an Integrität”.

Mal abgesehen davon, dass Herr Zuckerberg damit vielen Menschen, nicht nur Rollenspielern, unterstellt, dass sie irgendwie komisch seien, erscheint eine solche Aussage von einem US-Bürger besonders befremdlich. Ironischerweise stammt Herr Zuckerberg aus einem Land, in dem es keine Meldepflicht und keine Personalausweise wie in Deutschland gibt, in dem quasi jeder irgendwo unter welchem Namen auch immer auftreten kann. Und gerade er fordert nun, dass man nur per Klarnamen kommunizieren soll? Bizarr. Es hat den Anschein, als ob Klarnamen für facebook wesentlich wertvoller sind als Pseudonyme, schließlich lassen sich echte Namen viel effizienter zur Erstellung von Profilen und für gezielte Werbung einsetzen. Schon klar, aus welcher Richtung hier der Wind weht, Herr Zuckerberg!

Vielleicht nehmen einige User dieses Gebaren von Blizzard zum Anlass, mal darüber nachzudenken, was man sich alles gefallen lassen muss, um sein Lieblingsspiel zu spielen. Neben immer nervigeren Kopierschutzideen (neuerdings muss man auch bei Solotiteln von z.B. Ubisoft permanent online sein!) wird nun noch tiefer in die Privatsphäre eingedrungen. Irgendwann heißt es einfach nur noch: Game Over! Man muss nicht alles hinnehmen. Vielleicht kommen die Entwickler solcher Ideen dann zur Vernunft.

Ach ja, ich habe übrigens zwei Netzidentitäten plus meinem Klarnamen, unter denen ich im Netz unterwegs bin.



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