“Digital Natives” oder “Digital Naives”?
“Digital Natives” (etwa: “digitale Ureinwohner”) ist ein Begriff, der für jene (junge) Bevölkerungsgruppe verwendet wird, die quasi von Kindesbeinen an mit dem Internet aufwächst. Dieser Definition nach bin ich kein Digital Native, obowohl ich mich so fühle. Ich kann mich noch an eine Zeit ohne Internet erinnern und an die ersten Gehversuche mit analogen Modems, lange bevor es das Internet in seiner heutigen Form und Breitbandanschlüsse für jedermann gab.
Ich erwarte von Ureinwohnern eines Gebiets, dass sie sich dort nicht nur bestens auskennen, sondern auch um Gefahren wissen, die in der direkten Umgebung lauern. An diesem Punkt scheinen sich “Natives” und “Digital Natives” ein wenig zu unterscheiden, wie auch im Artikel auf heise.de zu lesen ist. Dabei wird eine Studie von McAfee, Hersteller von Anti-Viren-Software, zitiert, in der 13- bis 17-Jährige US-Jugendliche befragt wurden. Derartige Studien scheinen gerade in Mode zu sein, vergleichen Sie auch hier.
Unter anderem heißt es im Artikel bei heise:
Obwohl sich 58 Prozent als erfahrene Internet-Anwender bezeichneten und 95 Prozent glaubten, online sicher unterwegs zu sein, hatten 27 Prozent bereits mit infizierten Rechnern zu kämpfen. 14 Prozent sollen sogar ihre Passwörter mit Freunden teilen. 91 Prozent der Kinder und Jugend gaben an, dass ihnen ihre Eltern vertrauen würden, verantwortungsvoll mit dem Internet umzugehen. Allerdings versuchen viele Jugendliche ihre Online-Aktivitäten vor ihren Eltern zu verbergen, beispielsweise durch das Löschen der Browser-History am heimischen PC.
Von einem Bewusstsein für Gefahren der “nativen” Lebenswelt Internet scheint wenig vorhanden. Erfahren zu sein, heißt in diesem Falle offenbar, alle möglichen Online-Aktivitäten zu kennen bzw. ausprobiert zu haben. Ein Bewusstsein für Gefahr kann sich aber nur durch Wissen um bestimmte Zusammenhänge (Datenschutz, Cyberkriminalität, Mobbing) entwickeln. Natürlich ahnt ein Kind nicht ohne weiteres, dass eine unverfängliche Frage nach dem Alter und dem Wohnort einem Gegenüber möglicherweise Hinweise gibt, die zum Schaden des Kindes sein können. Der “Glauben”, sicher online unterwegs zu sein, fußt auf dem Unwissen darüber, welche Gefahren (technisch, stukturell und persönlich) im Netz lauern könnten. Natürlich wiegt man sich als Kind in Sicherheit, wenn man unter falschem Namen im Netz unterwegs ist, dass diese Sicherheit aber Illusion ist, kann ein Kind einfach nicht wissen.
Im Artikel heißt es dazu:
Daneben gaben 28 Prozent an, auch mit mit völlig fremden Personen zu chatten und Name und E-Mail-Adresse weiterzugeben. Von den 28 Prozent gab wiederum fast jeder Fünfte an, Fotos an Fremde zu posten und 12 Prozent sendeten sogar ihre Mobilfunknummer. Insbesondere Mädchen waren der Umfrage unter insgesamt 1357 Teilnehmern zufolge argloser als Jungs: Während 32 Prozent der Mädchen angaben, mit Fremden zu chatten, waren dies bei den Jungs nur 24 Prozent.
Mehr als ein Viertel der Befragten teilt also mit völlig Fremden höchst persönliche Informationen aus, die, wenn entsprechend eingesetzt, u.a. zur Standortbestimmung der Person genutzt werden können (IP-Tracing, Handyortung etc.).
Also “Digital Naives” statt “Digital Natives”? Irgendwie schon. Um die Medienerziehung scheint es in der USA ähnlich “gut” bestellt wie hierzulande, sowohl aufseiten der Kinder als auch deren Eltern besteht dringender Nachholbedarf.
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