Archiv für Februar, 2012

Onlinesucht – die dunkle Bedrohung

Dunkel ist die Bedrohung in erster Linie, weil die Forschung beim Thema Onlinesucht bisher im Dunkeln tappt. Es ist weder klar, ob Onlinesucht eine Form von Glücksspiel- oder Computerspielsucht ist, noch ob es sie überhaupt gibt. Viel wahrscheinlicher erscheint, dass Menschen, die viel im Netz unterwegs sind, andere Probleme kompensieren. Zu Recht fragt Spiegel Online-Autor Konrad Lischka:

Ist jemand, der stundenlang Onlinespiele nutzt, nun süchtig nach dem Internet oder nach Computerspielen? […] Ist jemand onlinesüchtig, wenn er zu lange mit seinen Freunden bei Facebook kommuniziert? Oder fällt unter Onlinesucht nur exzessives Onlineshoppen und Onlinepokern? Aber ist Spielsucht nicht immer Spielsucht – online wie offline? Und gibt es, analog zum übermäßigen YouTube-Konsum, vielleicht auch eine Offline-Fernsehsucht?

Egal, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Mechthild Dyckmans will trotzdem schon mal was tun. Sie hat eine neue „Nationale Strategie zur Drogen- und Suchtpolitik” erarbeitet und will die ominöse Onlinesucht durch Prävention bekämpfen und sie als offizielles Krankheitsbild einführen.

Die etwas übermotivierte Reaktion der Drogenbeauftragten ist aber nicht ungewöhnlich. Schon oft konnte man beobachten, wie Politiker gehobenen Alters Debatten und Restriktionen zum Thema Internet oder Computerspielen angeregt haben, obwohl sie selbst wohl nicht einmal einen Facebook-Account einrichten könnten, geschweige denn schon einmal ein Computerspiel gespielt haben.

Die Onlinesucht jedoch gilt als bewiesen. Zumindest, wenn man der PINTA-Studie glauben möchte, auf die sich die Drogenbeauftragte beruft. Die Forscher haben auf Grund dieser 560000 Deutsche für onlinesüchtig erklärt. Eine Definition von Onlinesucht haben sie nicht mitgeliefert, auf Ursachenforschung wurde auch verzichtet…

Schade eigentlich. Denn das Thema ist an sich wichtig und erforschenswert. Doch mit solch vorschnellen Aktionen, die das Thema nur oberflächlich abspeisen, bewirkt man herzlich wenig.

Vielleicht entdeckt die Drogenbeauftragte ja auch bald die Sucht nach Online-Beratung?;)

Das Gemeine am Gemeinten

Kommunikation, und in erster Linie die Sprache in Wort oder Schrift, bildet die Basis einer jeden Beratung. Wenn Berater und Klient sich nicht austauschen, kann keine Beratung stattfinden. Doch die Sprache kann auch ein Hindernis sein. Denn besonders in emotionalen Situationen, fällt es schwer, die passenden Worte zu finden und seine Gefühle und Gedanken genau so wiederzugeben, wie sie sich anfühlen.

Der Leiter der Telefonseelsorge Hagen-Mark, Dr. Stefan Schumacher, begründet das damit, dass man die Komplexität der Welt bei der Wiedergabe durch die Sprache automatisch vereinfacht und auch vereinfachen muss. Denn die Welt in all ihren Facetten zu beschreiben, ist uns Menschen nicht möglich. Deshalb sagt er:

„[Die Sprache] bildet die Oberflächenstruktur einer Mitteilung, die uns der/die Ratsuchende macht. Darunter verbergen sich die „tatsächlich gemeinten“ Aussagen in einer Tiefenstruktur.“ http://www.e-beratungsjournal.net

Das tatsächlich Gemeinte herauszufinden, fordert Beraterinnen und Berater jeden Tag auf’s Neue heraus, ist aber unerlässlich für eine gute Beratung. Je besser ein Berater hinter die Fassade blickt, desto effektiver verläuft die Beratung. Denn nur so kann, wie Schumacher berichtet, herausgefunden werden,…

„an welchen Stellen blinde Flecken, ungenutzte Ressourcen oder unberücksichtigte Perspektiven schlummern.“ http://www.e-beratungsjournal.net

In der Online-Beratung ist dies umso wichtiger, weil Gestik und Mimik sowie Tonfall, die sonst Hinweise auf das tatsächlich Gemeinte geben, wegfallen. Andererseits kann der Berater durch die Schriftlichkeit (->„Schreiben hilft!“) bestimmte verzerrende Phrasen leichter identifizieren und dem Klienten direkt vor Augen führen. Aus „alle denken, ich bin doof“, wird dann schnell ein differenzierteres „Lehrer X hat einmal gesagt, ich bin in Mathe eine Null“, an dem man ansetzen kann.

Wie praktisch wäre doch ein Programm, das in der Mailberatung automatisch verallgemeinernde und verzerrende Formulierungen markiert – und dem Berater am besten gleich eine konkretisierende Frage vorschlägt. Machbar wär’s. Was meinen Sie?

Wie die „Wunderfrage“ Wunder wirkt

Die berühmte Wunderfrage ist im Beratungsalltag eine gern eingesetzte Methode. Und das nicht ohne Grund. Besonders in verfahrenen Beratungssituationen kann sie Klarheit schaffen und den Klienten oder die Klientin wieder auf Kurs bringen. Eine Wunderfrage soll zum Phantasieren anregen, sie kann zum Beispiel lauten:

Stellen Sie sich vor, in der Nacht sei eine Zauberfee gekommen und habe Ihnen […] heimlich Ihren Groll über die frühere Affäre Ihrer Frau […] weggenommen. Woran würden Sie es zuerst merken am nächsten Morgen? […] Welcher Ihrer Mitmenschen würde zuerst die Veränderung bemerken und woran? […] Wie würden Sie sich fühlen? http://e-beratungsjournal.net

Die Wunderfrage lebt von den Momenten im Leben des Klienten, in denen sein oder ihr Problem nicht da ist. Den Verhaltensweisen des Klienten während dieser Ausnahmesituationen geht die Wunderfrage auf den Grund. Wie kommt man dahin? Was macht man da anders? Die Beratungssituation wird dadurch vom Problem weg, hin zur Entwicklung von Lösungsideen gelenkt. Die Wunderfrage schafft so ein klares und motivierendes Ziel, ohne einen negativen Fokus auf das Problem zu setzen und ohne angestrengtes Lösungssuchen.

Damit die Wunderfrage funktioniert, sollte der Klient völlig entspannt sein, um sich der Phantasie hingeben zu können. Hierbei kann die Online-Beratung Vorteile haben, wie Klaus Fieseler und Karin Hentschel betonen:

Hier – und auch an anderen Stellen – kann man Klienten zum ausschweifenden Schreiben einladen, um sich in die Lösungsvorstellungen zu vertiefen und sie schreibend zu erleben. Beim Formulieren und Abwägen kann dieser Prozess mitunter intensiver erlebt werden als in einer Face-to-face-Beratung. http://e-beratungsjournal.net

Klientin oder Klient können zuhause, unbeobachtet und ohne Druck, ganz in das Wunder einsteigen und sich für die Antwort Zeit lassen. Bei einer Face-to-face-Beratung empfinden viele Ratsuchende größere Scham und sind aufgeregter. Lesen Sie mehr darüber, was Sie beachten müssen, damit die Wunderfrage auch wirklich Wunder wirkt.

Denkbar ist auch die Entwicklung eines Online-Programms, das Klienten in ein phantastisch gestaltetes “Wunderland” entführt. Dort können sie sich ganz auf ihre Vision einlassen und mit begleitenden Fragen einer virtuellen guten Fee zur Problemlösung hingeführt werden. Für die Online-Beratung ist die Wunderfrage also ein spannendes Thema mit Entwicklungspotenzial.

Beratung nur einen Klick entfernt

Dass es Beratung auch online gibt, hat sich mittlerweile rumgesprochen. Immer mehr Beratungsstellen wollen auch im Internet für ihre Klienten da sein und viele Ratsuchende holen sich lieber online als offline Hilfe. Und das aus gutem Grund.

Mehr als 73 Prozent der Deutschen sind sowieso schon online – Tendenz steigend. Dabei sind viel mehr jüngere Menschen im Netz aktiv (97%), als ältere (52,5); und mehr Männer, als Frauen. Besonders Jugendliche und junge Erwachsene dominieren das Internet und verbringen pro Tag im Schnitt mehr als zwei Stunden im Netz. Da liegt es nahe, dass diese auch genau dort nach Lösungen für ihre Probleme suchen – ganz nebenbei, während man seine verpasste Lieblingsserie per Stream schaut oder sein Facebook-Profil checkt.

Mal eben bei Google nach „Alkohol Sucht Hilfe“ oder „Schwangerschaftsabbruch Beratung“ zu suchen und eine Mail abzuschicken oder in einen Gruppenchat reinzuschauen, fällt den meisten Klienten einfach leichter, als sich mühsam eine Beratungsstelle in der Nähe zu suchen, einen Termin zu machen und dann auch wirklich (!) hinzugehen. Diplom-Pädagoge Klaus Fieseler fasst zusammen:

die Ratsuchenden [sind] ohnehin im Internet mit ihren Anliegen unterwegs und man [muss] sie dort abholen. Online-Beratung – insbesondere für Jugendliche – ist niedrigschwellig und erreicht zudem Zielgruppen, die durch Beratungsstellen nicht erreicht werden (Fieseler, 2011, S. 105ff) http://e-beratungsjournal.net

Die Niedrigschwelligkeit ist deshalb einer der unschlagbaren Vorteile der Online-Beratung. Gerade Beratungsangebote, die sich an ein jüngeres Publikum richten, können hier Klienten gewinnen. Um diese auch wirklich im Netz abzuholen und für eine langfristige Beratung zu motivieren, braucht es allerdings die richtigen Mittel und eine gute Strategie. Online-Beratung kann eine Face-to-face-Beratung zwar nicht ersetzen, aber sinnvoll ergänzen und Ratsuchende erreichen, die sich sonst nicht „trauen“ würden.

beranet sucht Sie!

Zur Unterstützung unseres beranet-Teams suchen wir eine/n Projektmitarbeiter/in.

Was wir Ihnen bieten und was Sie mitbringen sollten, lesen Sie hier. Ihre Bewerbung richten Sie bitte per E-Mail an uns.

Schreiben hilft!

Ohne Selbstreflexion geht es in der Beratung nicht. Klienten, die schlecht oder gar nicht fähig sind, ihre Situation und ihre Gedanken zu reflektieren, werden ihre Probleme kaum in den Griff bekommen. Und auch für den Berater ist es schwierig, eine erfolgversprechende Beratung durchzuführen, wenn das Gegenüber nicht dazu in der Lage ist, tiefer über sein Verhalten nachzudenken. Dabei ist es egal, ob man vor Ort in der Beratungsstelle sitzt oder online berät.

Sehr wohl eine Rolle spielt die Art der Beratung für die Befähigung zur Selbstreflexion. Hier ist die Online-Beratung gegenüber dem Face-to-face-Klassiker im Vorteil. Denn egal ob Chat oder Mail-Beratung, bewirkt die Online-Beratung durch die Zeitverzögerung der Antworten eine Entschleunigung. Dieser Effekt wirkt bei der Mail-Beratung am stärksten, da eine Reaktion nicht Sekunden später, sondern erst bis zu mehreren Stunden oder Tagen später erwartet wird.

Dadurch, dass Klient und Berater ihre Gedanken niederschreiben müssen, geschieht automatisch ein Nachlesen und ein Ordnen des Geschriebenen. Das kennen wir alle von uns selbst: Erzählen Sie doch mal aus dem Stehgreif einem Fremden, wer Sie sind und was Sie ausmacht. Halten Sie das alternativ schriftlich in einem Word-Dokument fest. Bei der schriftlichen Ausarbeitung werden Sie sich in jedem Fall viel mehr Zeit lassen, zu überlegen, was Sie schreiben und den ein oder anderen Satz überdenken und umformulieren. Dabei sortieren Sie ganz nebenbei Ihre wichtigsten Anliegen und streichen Nebensächliches. Im Gespräch verfransen Sie sich vermutlich viel schneller in Nebenschauplätzen.

Die Schriftlichkeit ermöglicht es auch, dass der Klient oder die Klientin das Geschriebene zu einem fortgeschrittenen Beratungsprozess noch einmal lesen und sich besser vor Augen führen kann, wie und warum er oder sie früher so gedacht oder gehandelt hat und wie die momentane Situation aussieht. So entstehen bei der Online-Beratung häufiger Momente, in denen der Klient zur Selbsterkenntnis kommt, wie Klaus Fieseler und Karin Hentschel bestätigen:

In der Online-Beratung liest man durchaus Sätze von Ratsuchenden, in denen eine Selbstreflexion durch den Perspektivwechsel zu neuen Erkenntnissen bei der Auftragsklärung – aber auch an anderen Stellen im Beratungsprozess – führt, z.B.: „Wenn ich mich so lese, dann wird mir klar, dass ich meine Partnerin gar nicht ändern kann.“ http://e-beratungsjournal.net

So erleichtert Online-Beratung also die Selbstreflexion der Klienten und ermöglicht auch den Beratenden ihre Antworten durchdachter zu übermitteln.